Euthanasiemorde in Bernburg


Das wohl dunkelste Kapitel Bernburgs fand von November 1940 bis August 1943 statt.

Ein Teil der ehemaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg war von 1940 bis 1941 eine der sechs zentralen „Euthanasie“-Anstalten im Dritten Reich, in denen insgesamt mehr als Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg70.000 kranke und behinderte Menschen durch Gas ermordet wurden. Die Täter waren Ärzte, Juristen, Pflegepersonal und Verwaltungsangestellte, die Opfer psychisch Kranke und geistig Behinderte, Alte und Sieche, Fürsorgezöglinge, Zwangsarbeiter und Wehrmachtsangehörige. Als einzige der sechs „Euthanasie“-Anstalten in Brandenburg, Bernburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim und Sonnenstein/Pirna wies die Einrichtung in Bernburg eine Besonderheit auf, die das Grundprinzip der Psychiatrie in der Zeit des Nationalsozialismus auf engstem Raum widerspiegelte: Heilen der Heilbaren und Vernichten der Unheilbaren. Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg war keine reine „Euthanasie“-Anstalt, sondern wurde von 1940 bis 1943 in zwei Einrichtungen geteilt: in die Anhaltische Nervenklinik, in der weiter therapiert wurde, und in die Heil- und Pflegeanstalt, in der getötet wurde.

Am 21. November 1940 traf der erste Transport mit 25 Kranken und Behinderten aus der Brandenburgischen Landesanstalt Neuruppin in der „Euthanasie“-Anstalt Bernburg ein. Bis zum 24. August 1941 waren es 9.385 Kranke und Behinderte, die aus verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen Nord- und Mitteldeutschlands nach Bernburg gebracht und ermordet wurden.Die Gaskammer
Am 24. August 1941 erfolgte der Stopp für die „Euthanasie“ in den Gasmordanstalten, auch in Bernburg...

Von da ab erfolgte die Tötung von kranken und behinderten Menschen dezentralisiert und reichsweit in fast einhundert psychiatrischen Anstalten durch Überdosierungen von Medikamenten und/oder schrittweisen Entzug der Nahrung. Gleichzeitig vollzog sich in drei der „Euthanasie“-Anstalten ein weiterer Massenmord. Im Rahmen der „Sonderbehandlung 14 f 13“ starben arbeitsunfähige oder als Juden verfolgte KZ-Häftlinge in den Gaskammern, allein in Bernburg bis zum März 1943 etwa 5.000 mehrheitlich jüdische Häftlinge aus den Konzentrationslagern Buchenwald, Flossenbrück, Groß-Rosen, Neuengamme, Ravensbrück und Sachsenhausen.

Das sicherlich bekannteste Opfer, das 1942 in Bernburg ermordet wurde, war die Kommunistin Olga Benario. Die "Grönaer Straße", an der die Heil- und Pflegeanstalt lag, wurde zu DDR-Zeiten in "Olga-Benario-Straße" umbenannt, ebenso die Goethe-Schule, die allerdings nach der Wende ihren alten Namen wieder zurückbekam.

Im Frühjahr 1943 wurde die „Euthanasie“-Anstalt Bernburg aufgelöst. Einige bauliche Spuren wie die Sektionstische wurden zum Teil erst nach Kriegsende beseitigt, andere Reste der Vernichtungsanlage - darunter die Gaskammer - blieben bis in die Gegenwart erhalten. In den 50er Jahren wurden die Räumlichkeiten der ehemaligen "Euthanasie"-Anstalt vom psychiatrischen Krankenhaus genutzt.

Die Bernburger Bürger wußten nicht, was in der Klinik geschah. Es gab Gerüchte und Vermutungen, die dadurch genährt wurden, daß volle Busse am Morgen immer leer wieder zurückfuhren, daß aus den Schornsteinen der Anstalt immer fettiger, öliger Qualm drang. Die Klinik konnte gar nicht so viele Matratzen aus hygienischen Gründen verbrennen, wie sie immer als Ausrede behauptete. Die Bürger distanzierten sich, einige weigerten sich, sich in die Klinik einliefern zu lassen, man holte seine Kinder ins Haus, wenn die Busse mit den abgeklebten Fenstern wieder durch die Straßen fuhren.
Die Angestellten des Krankenhauses zur Heilung und Verwahrung wußten nach Angaben der Zeugen auch nicht was geschah. Es gab eine Trennung zwischen den Personalen, allerdings nicht physischer Natur, es gab keine Zäune. Sie wohnten und aßen zusammen. Die Nichteingeweihten stellten die selben Vermutungen an, wie die restliche Bernburger Bevölkerung.

Die Belegschaft der "Euthanasieabteilung" wußte genau was mit den Menschen geschieht. Die Der SezierraumAngestellten, die Trostbriefe schrieben und Karteikarten verwalteten, sahen ab und zu die nackten Menschen, die durch die Gänge geführt wurden. Den Angestellten wurde vorgeschrieben die Fenster über der Gaskammer geschlossen zu halten. Die in Bernburg eingesetzten Ärzte nahmen teilweise die Möglichkeit wahr, sich weiterzubilden oder in Kriegszeiten ein Notdiplom abzuschließen. Aufgrund dieses Bedürfnisses wurde auch der Sezierraum mit zwei Tischen neben der Gaskammer eingerichtet. Die Gehirne von vorher markierten Menschen wurden in Gläsern an Universitäten verschickt, um 'interessante Fälle' später untersuchen zu können.

Die Fachschaft der "Euthanasieanstalten" waren meist Menschen, die in der Region nicht beheimatet waren, um jeden möglichen Kontakt mit der Außenwelt zu minimieren. Die Belegschaften machten ab und zu Betriebsausflüge (mit den selben Bussen, mit denen die Gefangenen transportiert wurden) und vergnügten sich in Ferienheimen. Bei Fußballturnieren spielte man zum Beispiel um eine Torte als ersten Preis. Ihr Arbeitsleben ging völlig konform mit ihrem Privatleben. Man war im Glauben, das richtige zu tun, zum Wohle des deutschen Volkes.

Nach dem Ende des Krieges begann auch in Bernburg eine Untersuchung der Tötungsanstalten, initiiert durch die amerikanischen Besatzungstruppen. Vier Monate nach dem Wechsel der Besatzungsmacht wurden die kriminalpolizeilichen Untersuche auf Verlangen der sowjetischen Militärbehörde vor Ort eingestellt. Ebenso fand der ursprünglich für November 1945 v
orgesehene Strafprozess gegen die Verantwortlichen der Mordaktion nicht mehr statt.
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Teile des Inhalts wurden mit freundlicher Genehmigung der

Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt - Gedenkstätte für Opfer der NS-"Euthanasie" Bernburg
 
www.gedenkstaette-bernburg.de

entnommen.

 


Wer war Olga Benario?

Olga Benario wird am 12. Februar 1908 in München geboren. Bereits in den Polizeiakten der Weimarer Republik wird sie als "kommunistische Agitatorin" geführt. Mit 17 Jahren zieht sie nach Berlin-Neukölln und ist im Kommunistischen Jugendverband (KJVD) aktiv.

Nach der von Olga Benario organisierten spektakulären Gefangenenbefreiung ihres Olga Benario 1936Genossen und Freundes Otto Braun aus dem Untersuchungsgefängnis Moabit kann sie zunächst nach Moskau entkommen und ist Delegierte des V. Weltkongresses der Kommunistischen Jugendinternationale. In der Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien arbeitet sie für die internationale Arbeiterbewegung und bereitet sich auf den praktischen antifaschistischen Widerstand vor.

1935 geht sie von Moskau aus mit dem Brasilianer Luiz Carlos Prestes nach Rio de Janeiro, beide beteiligen sich an revolutionären Aufständen und werden 1936 verhaftet. Trotz internationaler Proteste wird Olga Benario hochschwanger im September 1936 von den brasilianischen Behörden an die Gestapo ausgeliefert. Im Frauengefängnis Barnimstraße kommt ihre Tochter Anita Leocadia am 27. November 1936 zur Welt. Anfang 1938 reist Prestes' Mutter nach Berlin und es gelingt ihr, das Kind von Berlin nach Mexico zu bringen. Aber die Nazis sagten Olga nicht, daß Anita bei ihrer Großmutter war, - sie nahmen ihr das Kind einfach fort. Erst viel später erfuhr sie durch einen Brief von Leocadia Prestes, daß ihre Tochter in Sicherheit war.

Späte kommt Olga Benario in das Frauenkonzentrationslager Lichtenburg und muss drei Jahre im KZ Ravensbrück verbringen bevor sie 1942 in der "Heil- und Pflegeanstalt" Bernburg  ermordet wird.

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Das Leben von Olga Benario ist 2004 unter dem Titel "Olga Benario - ein Leben für die Revolution" verfilmt worden. Der Dokumentarfilm erzählt die ergreifende und aufwühlende Geschichte dieser außergewöhnlichen und mutigen Frau.

 

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